Geheimnisse der Musik


Wer hat das «Grave» von Benda komponiert?


Ungereimtheiten bei der Autorenfrage können oft durch wissenschaftliche Recherchen geklärt werden. Die Anfrage eines Music4Viola-Nutzers löste eine musikwissenschaftliche Ermittlungsarbeit aus. Beim Zusammentragen von Indizien wurden keine Hilfsmittel ausgelassen.

Mozarts erstes Violinkonzert, Köchel-Verzeichnis Anhang 294 a D-Dur war in Tat und Wahrheit eine Fingerübung von Marius Casadesus (1892–1981) – das hatte der französische Geiger 1977 im Alter von 84 Jahren eingestanden. Zuvor hatte er die Musikwelt jahrzehntelang an der Nase herumgeführt. Yehudi Menuhin (1916–1999) machte die «Entdeckung» 1934 gar zum Schallplatten-Verkaufsschlager. Casadesus hatte übrigens noch weitere Fälschungen auf dem Kerbholz (siehe Links unten).
Wir alle wissen, dass Genies gefälscht werden. Auch aus der Welt der Malerei ist dieses Phänomen hinlänglich bekannt. Manch ein halbwegs talentierter Tonsetzer ist in der Lage, «im Stil von Soundso» zu schreiben. Das wird ja auch an den Hochschulen gelehrt. Ob eine gute Fälschung schliesslich überzeugt, ist eine Frage der kriminellen Energie und des Marketings.

 

G.Benda Notenfund
(Autograph) Kantate Wie
schrecklich Herr sind
deine Gerichte,
Sächsische Akademie
der Wissenschaften

In der Tat gibt es in der Musikgeschichte eine beträchtliche Grauzone mit Werken von unklarer Provenienz. Musikwissenschaftler können ein Lied davon singen. Und in der Manier von Detektiven kommen sie Betrügern, die versuchen, sich mit fremden Federn zu schmücken, auf die Schliche. Oft kann aber dahinter keine böse Absicht erkannt werden und es bleibt schleierhaft, wie falsche Zuweisungen zustande kommen.
«Überraschende Entdeckungen» von Musikstücken gibt es aus naheliegenden Gründen vor allem bei toten, nicht bei lebenden Tonsetzern, denn Letztere erinnern sich meist an das, was sie geschrieben haben. Zugegeben, wenn da ein Stück auftaucht, das ich selbst gerne geschrieben hätte und mir zugeschrieben wird, würde ich vielleicht auch schweigen – aber das ist wohl eher die Ausnahme.

Welcher Benda?
Und nun zur Story: Der Music4Viola-Nutzer Reinhard Förster stiess auf eine Aufnahme eines «Grave» für Violine und Orchester von Johann Georg Benda (1713–1752) in der Fassung für Viola mit Yuri Bashmet und Jewgeni Kissin (Klavier). Ein zauberhaftes Stück, wunderbar interpretiert von zwei absoluten Weltstars. Förster bat Music4Viola um Details. «M4V-Hausmusikwissenschaftler» Phillip Schmidt machte sich an die Ermittlungsarbeit und war gleich in seinem Element. Er hat einen Masterabschluss in «Erschließung älterer Musik» an der Technischen Universität Dresden gemacht, besitzt ein umfassendes musikhistorisches und stilistisches Wissen, kombiniert mit einem detektivischen Flair. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt im 18. Jahrhundert. Da kennt er sich aus und die Violamusik ist sein Lieblingsgebiet.

 

Die Vorlage für die Bratschen-
fassung ist aller Wahrschein-
lichkeit nach die Violinfassung,
dessen Ursprung aber
zweifelhaft ist. Wie es zu den
Benda-Zuweisung kommt,
ist völlig unklar.

Schmidt hat sich schon wiederholt mit der weitverzweigten Musikerfamilie Benda beschäftigt und schon andere zweifelhafte Zuordnungen entdeckt. Auch dieses «Grave» hatte er schon im Visier und fand zwei verschiedene Tonarten davon (in a-moll und in e-moll), welches einem Violinkonzert in D-Dur, resp. G-Dur entstammen soll. Manche Editoren hielten das Stück für den Binnensatz eines Violinkonzerts von besagtem Johann Georg Benda, andere für den Binnensatz eines Violinkonzerts seines jüngeren Bruders, Georg Anton Benda (1722–1795). Verdächtigerweise sind keine Musikhandschriften oder sonstige Quellen zu finden (obwohl gern solche Ablenkungsmanöver wie «nach dem Manuskript herausgegeben» bemüht werden) und stilistisch passe dieser Satz, so Schmidt, zu keinem der vier Benda-Brüder des 18. Jahrhunderts (neben J. G. Benda und G. A. Benda gibt es noch Joseph Benda [1724–1804] und Franz Benda [1709–1786]) und sicher auch nicht zu deren Söhnen.

Spuren führen nach Russland
Da das Stück praktisch nur in Russland bekannt ist, verdächtigte Schmidt erst sogar Bashmet, die Komposition selbst in Auftrag gegeben zu haben, um später die «Entdeckung» als Erster aufführen zu können.
Dann spürte Schmidt eine Violinfassung des Stücks auf, deren Ursprung ebenfalls nicht belegt ist. Danach zog er einen Wikipedia-Artikel bei, welcher seine These der falschen Zuweisung ebenfalls stützt. In einem weiteren Schritt fand der Musikermittler schliesslich die wahrscheinliche Hauptquelle aller dieser Zweifel, und zwar in einem russischen Blog: Unter Zuhilfenahme des Google-Translaters erfuhr er, dass das Stück mit ziemlicher Sicherheit vom Geiger und Komponisten Samuel Dushkin (1891–1976) stammt und Benda, welchem auch immer, untergeschoben worden ist.

 

Karteikarte Schott Verlag von 1932

Der mögliche Erstdruck des Violinkonzerts ist offenbar 1932 beim Schott-Verlag erschienen, wie der Kopie einer Karteikarte aus dem Zettelkatalog des Tschechischen Musik-Museums in Prag zu entnehmen ist. Dort ist Dushkin als «Herausgeber und Bearbeiter» aufgeführt.
Die Indizien sprechen also für Dushkin als Übeltäter. Der Schuldige kann für dieses Delikt zwar nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, doch wollen wir es ihm verzeihen und gratulieren ihm zu seinem wunderbaren Benda-Grave, lehnen uns zurück und lauschen den berückenden Klängen des Duos Bashmet/Kissin.



Diese Inputs von Phillip Schmidt enthalten weitere Hinweise zum Thema:

1. Johann Christian Bach:
https://www.music4viola.info/werk-info/3/Bach%20J.chr./konzert-c-moll-fuer-bratsche-und-orchester
2. Carl Philipp Emanuel Bach:
https://www.music4viola.info/werk-info/10/Bach%20C.ph.e/konzert-d-dur-fuer-violine-bratsche-und-klavier
3. Georg Friedrich Händel:
https://www.music4viola.info/werk-info/9/H%C3%A4ndel%20G.f./konzert-h-moll-fuer-bratsche-und-orchester
4. Beatrice Mattei:
https://www.music4viola.info/werk-info/1/Mattei%20B./sonata-c-dur-fuer-bratsche-und-cembalo
5. Henry Eccles:
https://www.music4viola.info/werk-info/1/Eccles%20H./sonate-g-moll-op-1-nr-11-fuer-bratsche-und-klavier


Weitere interessante Links zu «Grave»:

1. J.J.Benda «Grave» auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=J2tEwRKOnHs

2. Benda - Grave - Viola de Arco (Bashmet e os Solistas de Moscou) auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=bWlenz_s0tc

3. Wikipedia-Artikel über Johann Georg Benda
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Benda
 PhSch schrieb am 15.03.2019 um 12:47
Eine spätere Auflage des bei Schott erschienenen Violinkonzerts Dushkins ist in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden vorhanden: https://katalogbeta.slub-dresden.de/id/0011912649/#detail

Dieser Blogartikel wurde verfasst von Niklaus Rüegg, diplomierter Opernsänger (Musikakademie Basel), Absolvent des Internationalen Opernstudios Zürich, zweimaliger Gewinner des Migros-Begabten-Stipendiums, zahlreiche Engagements in Oper, Operette, Musical und Konzert im In- und Ausland.
Seit zehn Jahren ist Rüegg auch als Musikjournalist tätig und betreut unter anderem die Verbandsseiten des VMS (Verband Musikschulen Schweiz) in der Schweizer Musikzeitung. Als junger Mensch hatte Niklaus Rüegg Geige und Bratsche gespielt.


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