Die Bratsche an der Musikschule: längst aus dem Dornröschenschlaf erwacht

 

 

Dank fachgerechter Basisarbeit ist die Bratsche an der Musikschule heute ein Instrument wie jedes andere.

 

Ursula Schlatter, MKZ

Die Fachbeauftragte für Geige und Bratsche an Musikschule Konservatorium Zürich MKZ, Ursula Schlatter, entkräftet gleich zu Beginn unseres Gesprächs vehement sämtliche, eventuell in manchen Köpfen noch herumgeisternden Vorurteile gegenüber der Bratsche. Nicht einmal die Eltern hegten in der Regel Vorurteile gegenüber dem Instrument, geschweige denn die Schülerinnen und Schüler. An den Info-Werkstätten im Frühling kann an der grössten Musikschule der Schweiz schon seit vielen Jahren jedes Instrument in einem separaten Zimmer ausprobiert werden – auch die Bratsche. Früher wurde sie in der Regel noch als Anhängsel der Geige behandelt, aber diese Zeiten sind vorbei. Die Kinder vergleichen meist den Klang und entscheiden sich völlig unvoreingenommen für das Instrument, das ihnen am besten gefällt. Dank inzwischen überall erhältlicher, guter Kinderinstrumente gibt es kaum mehr einen Grund, nicht gleich mit Bratsche anzufangen. In grauer Vorzeit behalf man sich in Ermangelung von Kindergrössen mitunter damit, Bratschensaiten auf kleine Geigen zu spannen – ein absolutes No-Go, da sind sich die Fachleute einig. Fachkundige und verständnisvolle Lehrpersonen bieten Kindern, die für die Bratsche geeignet erscheinen, immer mal wieder an, doch mal das grössere Streichinstrument auszuprobieren. Manche von ihnen lassen sich vom unverwechselbaren dunklen und kräftigen Klang nachhaltig begeistern. Die Frage der Mitspielmöglichkeiten in Ensembles braucht in Zürich bei der Instrumentenwahl niemanden zu beschäftigen. Jedes Kind kann an MKZ irgendwo mitspielen: auf allen Niveaustufen sind mehrere Ensemblegruppen, Vororchester, Orchester, Symphonieorchester sowie Bands im Angebot.
 

Gezielte Förderung
Die Statistik zeigt, dass die Anzahl Bratschenschüler an MKZ stetig am Wachsen ist. Im Jahr 2001/02 waren es noch 12, heute sind es 45. Die Mehrheit fängt mit der Violine an und wechselt erst später auf die Bratsche, doch gibt es vermehrt auch SchülerInnen, die direkt mit Bratsche beginnen (im Schuljahr 2018/19 z.B. 4 Kinder). In den MKZ-Orchestern wird der Wechsel auf Bratsche gefördert, indem kostenlos Instrumente zur Verfügung stellt.

Der Unterricht wird auch im Klassenmusizieren (Streicherklassen) gefördert, ein Programm, das in Zusammenarbeit mit der Volksschule angeboten wird. Hier kommen viele Kinder überhaupt erst mit der Bratsche in Kontakt.
Heute wird an der Hochschule die Bratsche häufig – gerade auch von Geigern – als Nebenfach belegt. Dadurch sind viele Geiger auch für den Bratschenunterricht qualifiziert, zumindest im Anfängerbereich. An MKZ unterrichten aktuell 51 Lehrpersonen Violine, 17 davon auch Bratsche. Einige konzertieren auf der Bratsche, unterrichten aber auch Violine.

Viola "Stauffer" 1615
von Girolamo Amati (1548-1630)

Musikpädagogisch gebe es keinen Unterschied zwischen den Instrumenten, hält Ursula Schlatter fest, instrumentenspezifisch aber schon: die Grössen und damit die Handhabungen, aber natürlich auch Klang und Klanggebung weichen deutlich voneinander ab. Ursula Schlatter gibt ihre Bratschenschülerinnen und -schüler, sobald sie ein gewisses Niveau erreicht haben, in der Regel weiter an studierte Bratschisten.
Von einer Aufteilung in Geigen-, resp. Bratschentypen will Ursula Schlatter nichts wissen: «Eine solche Aufteilung ist heikel. Allfällige Typen bilden sich erst später aus. Für charakterspezifische Zuordnungen ist es auf dieser Stufe noch zu früh.»
Im Erwachsenenalter können dann aber schon charaktermässige Eigenheiten eine Rolle spielen: «Ein Alphatier spielt keine Bratsche. Die Anpassungsleistung bei der Bratsche ist grösser als bei den andern Streichinstrumenten».


Jetzt im Teil 2:
Die Bratsche im Studium: Nachfrage steigend

 

Bevorstehende Konzerte mit Nicolas Corti:

  • 21. Oktober, 17:00, Aula Musikschule Riehen:  Nicolas Corti, Viola, Han Jonkers, Gitarre, UA Kelterborn Duett für Viola und Gitarre 2018 (den Künstlern gewidmet) sowie Schubert Arpeggione-Sonate, Tangos.
  • 25. November, Ref. Kirche Dübendorf, UA Arthur Heinz Lilienthal Bratschenkonzert (Nicolas Corti gewidmet), Bruch Doppelkonzert Klarinette und Bratsche...
 

Leichte Stücke, für Anfänger geeignet/geschrieben
 
 

 Michael (Facebook) schrieb am 10.10.2018 um 17:07
Vorurteile gegenüber der Bratsche? Diese Vorurteile habe ich nicht
 Hans-Georg (Facebook) schrieb am 10.10.2018 um 17:08
Noch eine Nachbemerkung, wenn's gestattet ist: "Bratschistenwitze" oder ähnliches, auch wenn sie zunächst Vergnügen oder Schmunzeln verursach(t)en, sind bzw. waren für musikalisch gebildete Menschen wirklich etwas Törichtes. Abgesehen von der relativen "Spärlichkeit" der Literatur und der früher eher kleinen Zahl herausragender Bratschisten bedenke man die große Qualität des vorhandenen "Wenigen": Zum Beispiel Bachs 6. Brandenburgisches Konzert, Morzarts Sinfonia Concertante KV 364 und sein "Kegelstatt"-Trio KV 498, Hindemiths, Bartoks und Schostakovitschs einschlägige Kompositionen, auch William Waltons herrliches Viola-Konzert. Es ließe sich nun doch noch auch einiges mehr nennen; das eben genannte waren nur die bekanntesten Beispiele. Oder man denke auch an die kunstvolle Berücksichtigung der Mittelstimmen - für den Bereich der Kammermusik nenne ich nur ich Mozart's unfassbar schönes Streichquintett g-Moll KV 516. Bach, Mozart, Beethoven, Dvorak (Hindemith sowieso) haben die Bratsche geliebt und sehr gern gespielt.

Niklaus Rüegg
 
Dieser Blogartikel wurde verfasst von Niklaus Rüegg, diplomierter Opernsänger (Musikakademie Basel), Absolvent des Internationalen Opernstudios Zürich, zweimaliger Gewinner des Migros-Begabten-Stipendiums, zahlreiche Engagements in Oper, Operette, Musical und Konzert im In- und Ausland.
Seit zehn Jahren ist Rüegg auch als Musikjournalist tätig und betreut unter anderem die Verbandsseiten des VMS (Verband Musikschulen Schweiz) in der Schweizer Musikzeitung.
Als junger Mensch hatte Niklaus Rüegg Geige und Bratsche gespielt.


Photos: Niklaus Rüegg und Mark Walder
 

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