Roger Faedi - vielseitig und kreativ


Konrad Ewald schreibt auf music4viola.info über Roger Faedi: «Der Basler Lehrer, Singbuchautor, Photograph, Bratschist, Armbrustschütze und Verleger ist einer der kreativsten Menschen, die ich kenne».
 

Niklaus Rüegg – Roger Faedi, nicht zuletzt auch Komponist, wird im November 2018 80 Jahre alt und ist in der Tat ein vielseitiger Künstler, eine Art «homo universalis», der Musikalisches mit Visuellem und Literarischem verbindet. Er studierte Literatur, Kunstgeschichte, Philosophie und Musikgeschichte, wollte aber Primarlehrer werden. Als solcher schrieb er Singspiele und Lieder für Kinder und war Herausgeber des revolutionären und erfolgreichen «Liederköfferli», einer Liedersammlung, in der traditionelles Liedgut neben «neuen Klängen» steht.
 

Roger Faedi (2018), Foto: N.Rüegg

Seit 1980 beschäftigt er sich mit Farbklängen und Synästhesie und veröffentlicht Fotobücher. Als Bratschist spielte er lange Zeit in Kammermusik-Ensembles und Orchestern. Der Komponist Faedi lässt sich inspirieren von Malerei, Fotografie und Literatur. Seit 2005 komponiert er für kleine Besetzungen, in denen die Bratsche eine wichtige Rolle spielt. Auch in der Literatur bevorzugt er das Kleine. Er liest gerne Gedichte und ganz kurze Essays mit Kernsätzen, über die es sich nachzudenken lohnt. Sein ehemaliger Deutschlehrer hat ihm einmal gesagt: «Ich gehe jede Woche in eine Galerie und lese jeden Tag ein Gedicht». Das macht Faedi seit 60 Jahren auch so.

Einige Merkmale ziehen sich fast durch sein ganzes kompositorisches Schaffen: Seine Kammermusik zeichnet sich aus durch ruhige Phasen, grosse Intervallsprünge und manchmal überraschende, schnelle Passagen, die auf einen Höhepunkt hinführen. In einem seiner besten Werke, «Licht und Schatten» für Violine, Viola und Violoncello aus dem Jahr 2016, ist dies noch zu spüren, verbindet sich aber mit einer anmutigen Melodik.
 

Faedi der Armbrustschütze, Foto: R.Faedi

Seit 30 Jahren ist Faedi Armbrustschütze und versucht, im Sinne des Buches «Zen in der Kunst des Bogenschiessens» das meditative Stadium der buddhistischen Mönche zu erreichen, die sogar im Dunkeln ins Zentrum der Zielscheibe treffen: «Für mich ist nicht der Wettkampfgedanke das Zentrale sondern die meditative Qualität: Nicht der Schütze schiesst, sondern «es» schiesst. Das Ziel ist die vollkommene Konzentration und Einheit mit dem Gerät und sich selbst.»

 

Herr Faedi, wie komponieren Sie?
Mit dem Computer. Wenn ich nicht weiter komme, benutze ich das Klavier. Das ist sehr praktisch. Papier brauche ich nur am Anfang, um meine Empfindungen aufzuschreiben oder grafische Entwürfe zu machen. Das Visuelle ist mir sehr wichtig. Klangfarben, Farben der Klänge, spielen für mich eine entscheidende Rolle.


Wie ordnen Sie sich stilistisch ein?
Ich schreibe in einer freien Tonalität, doch, obwohl ich mich in der traditionellen Harmonielehre gefangen gefühlt hatte, komme ich immer wieder auf sie zurück; vielleicht um mich wieder davon zu befreien.
Ich interessiere mich für die Weiterentwicklung der Klassischen Musik. Seit ich 17 bin, besuche ich die Konzerte der IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Musik). Isang Yun ist für mich ein wichtiger Komponist, auch György Kurtag, aber vor allem Heinz Holliger. Seine Werke verfügen über einen unglaublich sinnlichen Farbenreichtum. Der Primarlehrerberuf war für mich der ideale Beruf. Ich konnte zeichnen, gestalten, modellieren, Sprache entwickeln und Musik machen mit den Kindern. Seit meiner Pensionierung mache ich, was ich schon immer wollte: Komponieren für kleine Besetzungen.

 

Foto: R.Faedi

Wussten Sie von Anfang an, was Sie werden wollten?
Nein, das wusste ich lange nicht. Ich wollte etwas mit Konstruieren machen. Als Knabe habe ich Brücken gebaut und schiefe Türme. Auch Sprachen haben mich interessiert. Mütterlicherseits bin ich französisch und väterlicherseits italienisch geprägt.

Warum haben Sie nicht Musik studiert?
Das wollte ich nie. Musik war für mich seit meiner Kindheit etwas Zentrales, aber sie sollte eine Art Schatzkästlein bleiben. Ich wäre wohl Geiger oder Bratschist geworden, aber da hätte ich viele Dinge tun müssen, die mir auf die Dauer unangenehm sind, zum Beispiel in einem Orchester zu spielen oder zu unterrichten. Ich hatte immer schon viele andere Interessen, so dass ich einfach nicht genug zum Üben gekommen wäre. Die Musik war mir zu schade dafür. Ich wollte «Amateur» bleiben und bin kompositorisch weitgehend Autodidakt.
Ich hatte bloss rudimentäre Unterweisungen in Harmonielehre bei Walther Geiser und meinem Bratschenlehrer Hans Brunner. Alles andere habe ich mir selber erarbeitet.

Die Grundstimmung vieler Ihrer Kompositionen kann als düster bis bedrückend empfunden werden. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, das stimmt. Ich lande immer wieder auf dieser Schiene. Das Heitere in der Musik erschliesst sich mir nicht so leicht. Ich bin an sich ein fröhlicher, aufgeschlossener, lebensbejahender und kommunikativer Typ, aber die dunklen Stimmungen entsprechen mir in der Musik einfach besser. Als junger Bub hatte ich einen Totenkopf auf meinem Schreibtisch, sozusagen als Memento Mori.

Einen durchgängigen Rhythmus findet man selten in Ihrer Musik. Sie zeichnet sich eher durch Brüche und schnelle Wechsel aus. Geschieht das bewusst?
Ja, das ist bewusst so gemacht. Es hängt auch mit mir persönlich zusammen. Ich kann mich oft für Dinge begeistern, und plötzlich kommt ein unvermittelter Bruch und etwas Gegenteiliges tut sich auf.

 

Was ist für Sie das Faszinierende an der Viola?
Wie viele andere habe ich mit Geige angefangen. Aber als ich meinen Lehrer Hans Brunner Bratsche spielen hörte, war ich sofort eingenommen vom diesem dunklen Klang, der über mehr Farben verfügt als die Violine, z.B. dumpfe, wie Kim Kashkashian sie spielt, oder helle, wie die von Nils Mönkemeyer. Das grosse Klangspektrum dieses Instruments entspricht meinem Gemüt. Die C-Saite ist für mich etwas ganz Wichtiges.

 

Foto: R.Faedi

Wie grenzt sich der Klang gegenüber dem Cello ab?
Ich will ihn nicht abgegrenzt wissen, denn das Cello ist klangmässig eher noch reicher. Ich bin ganz ehrlich: Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich wahrscheinlich Cello spielen. Trotzdem bleib die Bratsche das Instrument, das mein Leben bestimmt hat.

Spielen Sie selber noch?
Nein, aber ich spielte einst auf einem ansprechenden Niveau und mit guten Leuten zusammen. Mit meinem damaligen Spiel würde ich heute die Aufnahmeprüfung an die Hochschule nicht schaffen. Damals hatte es aber gereicht für das Konservatoriumsorchester.

Ist es dieses Mittelstimmige, welches der Bratsche eine Art «Stiefkind-Image» verleiht?
Die Bratsche ist im Orchester ein Füllinstrument, hat aber eine eminent wichtige verbindende Funktion. Ich habe im Orchester und in der Kammermusik die Erfahrung gemacht, dass ich das Werk viel besser und ganzheitlicher erleben konnte, als wenn ich als Geiger die erste Stimme gespielt hätte. Es ist wohl kein Zufall, dass es unter den Komponisten viele Bratschisten gibt, weil sie eben einen guten Sinn fürs Orchestrale haben.
Früher war das Repertoire für das Instrument etwas beschränkt, aber seit einigen Jahren werden immer mehr Stücke für Bratsche geschrieben. Das «Stiefkind-Dasein» ist seit 30 Jahren kein Thema mehr.

Sie schreiben viel für Bratsche. Ihre neusten drei Stücke aus dem Jahr 2018 sind alle mit Bratsche...

Ja, die drei Stücke gehören zusammen. Aber ich schreibe auch viel für Bläser, Klavier und Stimme. Man kann mich also nicht als «Bratschenkomponisten» bezeichnen.

 

In einem der drei Stücke, «Dialog für Bratsche und Cello» kommt Ihre Vorliebe für die Verbindung von Musik, Text und Visuellem zum Vorschein: Sie zeichnen einen möglichen Gesprächsverlauf im Bild «Gespräch» von Franz Anatol Wyss musikalisch nach?

Das Bild mit den ineinander verschlungenen Figuren weckte meine Fantasie und ich fragte mich, was diese Personen wohl miteinander sprechen würden. Also versuchte ich, die Stimmung, die das Bild in mir entstehen liess, in ein anderes Medium zu übertragen.

 

Roger Faedi (2018),
Foto: N.Rüegg

Sehen Sie Farben, wenn Sie gewisse Töne hören?

Nein, so weit geht es nicht. Ich bin kein Synästhetiker. Eher umgekehrt, ich höre Klänge wenn ich Bilder sehe. Ich ordne Farben Stimmungen zu. Blau ist für mich zum Beispiel eher eine dunkle Stimmung.

 

Sie lesen jeden Tag mindestens ein Gedicht. Wie steht es bei Ihnen mit der Verbindung zwischen Sprache und Musik?

Ich habe sehr viele Gedichte vertont für alle Stimmgattungen. Das liegt mir sehr. Ein Gedicht muss mich allerdings ausserordentlich ansprechen, dass ich es vertone. Ich habe französische, deutsche, italienische und spanische Texte vertont. Englisch liegt mir nicht so. Es kommt auch vor, dass ein Gedicht eine Inspiration für ein Instrumentalstück hergibt.


Wo sind Ihre Werke zu finden?

Auf meiner Webseite und hier auf Muisc4Viola sind die meisten meiner Kompositionen für Viola zu finden und zum Teil käuflich zu erwerben. Das ist eine tolle Sache. Es geht mir aber nicht ums Geschäft. Ich bin glücklich, wenn ich sagen kann, es ist mir etwas gelungen.
 

Welche Werke von Ihnen sind Ihnen am liebsten?

Ich gebe Ihnen spontan einige Werke an:

 

 

Herr Faedi, Herzlichen Dank für das Gespräch!

Nützliche Links:

» Zur Webseite von Roger Faedi
» Zu den Noten von Roger Faedi im Onlineshop zum Durchblättern (als Druck oder als Download)
» Zum Komponistenprofil von Roger Faedi

Niklaus Rüegg
 
Der neue Violablog wird verfasst von Niklaus Rüegg, diplomierter Opernsänger (Musikakademie Basel), Absolvent des Internationalen Opernstudios Zürich, zweimaliger Gewinner des Migros-Begabten-Stipendiums, zahlreiche Engagements in Oper, Operette, Musical und Konzert im In- und Ausland.
Seit zehn Jahren ist Rüegg auch als Musikjournalist tätig und betreut unter anderem die Verbandsseiten des VMS (Verband Musikschulen Schweiz) in der Schweizer Musikzeitung.
Als junger Mensch hatte Niklaus Rüegg Geige und Bratsche gespielt.

 
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Er hat als Musikdirektor des Schauspiels nicht nur ca. 50 Bühnenmusiken arrangiert und komponiert sondern als Komponist auch zahlreiche Werke für und mit «seinem» Instrument, der Bratsche geschrieben.
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